Die Neuerfindung der Teilbarkeit

KTR Insight, Story: The reinvention of modularity, cover
Rob Groothuis, KTR Benelux

Rob Groothuis

Vertriebsingenieur, KTR Benelux

November 2025 • Früher Morgen am Nordholland-Kanal im niederländischen Alkmaar: Ein Stück Asphalt der 120 Meter langen Huiswaarder-Brücke klappt langsam nach oben, die Straße öffnet sich, macht den Weg frei für den Verkehr zu Wasser. Der Verkehrsfluss an Land hingegen stockt nur für wenige Minuten – auch, weil hinter der beabsichtigten Teilung ein fein austariertes Zusammenspiel aus Kraft, Steuerung und Präzision arbeitet: Nach fünf Jahrzehnten war der ursprüngliche Antrieb der Klappbrücke, Baujahr 1974, an sein Lebensende gelangt. Ausfälle drohten, Wartungsfenster wurden immer kürzer.

Nun erhielt das Bauwerk ein technisches Herzstück der neuesten Generation – samt Elektromotoren, Getrieben, Handsteuerungen und Anschlussstellen. Geplant von den Brückenspezialisten von TAS, dem Technisch Adviesbureau Sliedrecht, umgesetzt von MFE, der Machinefabriek Emmen, und verbunden durch Kupplungen von KTR. Ein Update, das zeigt, wie sich moderne Technik und Ingenieurskunst mit infrastrukturellem Altbestand zusammenführen lassen, ohne gleich den Fluss einer ganzen Stadt ins Stocken zu bringen.

Huiswaarder Bridge in Alkmaar, mosaic

Zuverlässigkeit, die den Verkehr sichert

Die Modernisierung begann am Reißbrett von TAS: Das niederländische Beratungsunternehmen übernahm den Entwurf, die Ausschreibung sowie die Bauüberwachung und koordinierte alle Gewerke während des gesamten Projektes.

Um das erforderliche Drehmoment zu erreichen, ist das gesamte Antriebssystem gespiegelt ausgeführt. Dreh- und Angelpunkt ist auf jeder Seite ein 30-Kilowatt-Elektromotor von SEW-Eurodrive. Direkt an dessen Welle sitzt eine ROTEX-Kupplung mit integrierter Bremstrommel. Die drehelastische Klauenkupplung verbindet Leistung und Sicherheit, schließlich halten die angebundenen Trommelbremsen die Brücke in jeder Position zuverlässig fest.

Über ein erstes Kegelstirnradgetriebe mit einem Drehmoment von 45.000 Newtonmeter wird die Kraft an eine GEARex-Ganzstahl-Zahnkupplung weitergegeben, die Fluchtfehler ausgleicht, ohne dabei an Steifigkeit einzubüßen. Ein zweites, größer dimensioniertes Getriebe erhöht dieses Moment anschließend auf bis zu 592.000 Newtonmeter. Die nachgeschaltete GEARex-Kupplung überträgt diese Leistung schließlich auf den Kurbelarm, der das Klappsegment hebt. Das neue Antriebssystem gewährleistet jederzeit einen reibungslosen Straßen- und Schiffsverkehr.

Durch die Integration der Ganzstahl-Zahnkupplung in den Kurbelarm wird viel Platz gespart. Das gespiegelte Prinzip macht es möglich, die Lager des Getriebes auf beiden Seiten des Kurbelarms zur Unterstützung des Bewegungsmechanismus zu nutzen.

Auch an den Notfall wurde gedacht: Käme es zum Beispiel zu einem Stromausfall, ließe sich die Brücke per Handrad bewegen. Hier greifen eine RADEX-NC-Servokupplung und eine schaltbare ROTEX SD ein, entkoppeln den Elektromotor und koppeln den manuellen Zweig zu.

Hightech, unsichtbar verbaut

Damit all das zusammenwirkt, erfolgt die Steuerung nicht an Ort und Stelle, sondern aus der Leitwarte an der Tesselsebrug. Von dort überwacht das kommunale Versorgungsunternehmen Alkmaars, Stadswerk 072, sämtliche Bewegungen, misst Windgeschwindigkeiten, zählt Bremszyklen und prüft jeden Lastwechsel – Digitalisierung, die Brückenmechanik und Verkehrsfluss zugleich absichert.

Die eigentliche Herausforderung lag sowohl in der Dimensionierung der Komponenten im begrenzten Raum als auch in der millimetergenauen Installation.

Marien van Bezooijen, TAS, and Rob Groothuis, KTR Benelux
Im Gespräch: Marien van Bezooijen von TAS und Rob Groothuis von KTR Benelux.

„Die eigentliche Herausforderung lag sowohl in der Dimensionierung der Komponenten im begrenzten Raum als auch in der millimetergenauen Installation“, erklärt Marien van Bezooijen, Konstrukteur bei TAS. Bevor der neue Antrieb installiert werden konnte, musste auch das Tragwerk selbst zulegen: Um die höheren Massen und Drehmomente sicher in das Bauwerk einzuleiten, erhielt die bestehende Betonplattform zusätzliche Betonkonsolen, die im Brückenunterbau unter der Straße angebracht wurden. Sie verteilen die Lasten auf die Unterkonstruktion und leiten Kräfte zuverlässig in Fundament und Baugrund ab.

Und weil der neue Antrieb mehr Leistung verlangt, als der vorhandene Netzanschluss liefern kann, kam ein „Power and Energy Solutions“-System von SEW-Eurodrive zum Einsatz. Marien van Bezooijen: „Das Energiemanagement puffert Lastspitzen, speist Rekuperationsenergie zurück und steigert so Effizienz und Verfügbarkeit, ohne dass die bestehende Strominfrastruktur ausgebaut werden musste.“

Die Huiswaarder-Brücke ist damit nicht nur wieder voll einsatzfähig, sie kann auch zu einem Leuchtturmprojekt für zahlreiche weitere Bestandsbrücken Europas werden, deren Antriebe aus den 1970er-Jahren stammen. Denn die Zusammenarbeit von Gemeinde, TAS, MFE und KTR zeigt: Wer Brücken schlägt, muss sie beizeiten auch gemeinsam neu erfinden.

Smile: Marien van Bezooijen, TAS, and Rob Groothuis, KTR Benelux
Smile :-)